"Der Erfolg von Adium wäre ohne die Community nicht denkbar"

Interview mit

Evan Schoenberg, Chefentwickler des Open Source-basierten Instant Messengers Adium X (05.02.2007).

Adium X zählt zu den beliebtesten Open Source-Programmen für Mac OS X. Mit der kostenlosen Software, die jetzt in der Version 1.0 erschienen ist, lassen sich Textnachrichten mit anderen Usern austauschen und auch Dateien übertragen. Der große Vorteil von Adium X ist die Kompatibilität - so werden die Instant Messenger-Netzwerke ICQ, AIM/.Mac, Jabber, Google Talk, MSN Messenger, Yahoo! Messenger und noch einige andere unterstützt. Chefentwickler des Projekts ist Evan Schoenberg. MacGadget sprach mit dem 23-jährigen Medizinstudenten der Emory University School of Medicine von Atlanta über Hintergründe und Zukunft von Adium X.

MacGadget: Evan, Adium X-User mussten lange Zeit auf die Version 1.0 warten. Was war die Ursache? Lag es an der umfangreichen Feature-Liste oder haben sich zu wenig Programmierer an der Entwicklung beteiligt?

Evan Schoenberg: Adium X 1.0 befand sich lange in der Entwicklung, sogar länger, als es die Erscheinungsdaten älterer Versionen glauben lassen. Die Arbeiten begannen Ende Dezember 2005, also vor über einem Jahr. Viele Faktoren verzögerten die Entwicklung. Das größte Problem war, dass wir zuviel verbessert haben. Fast jedes Detail wurde überarbeitet, Fehler wurden behoben und neue Features hinzugefügt. Diese machten weitere Tests und die Suche nach Bugs nötig. Teil des Problems war der Perfektionismus. Normalerweise ist das Streben nach Perfektion etwas Gutes, und es ist in allen Projekten - großen oder kleinen - unerlässlich, sich um Details zu kümmern. Adium 0.8x war jedoch nicht perfekt. Hätten wir Adium X 1.0 zur Perfektion bringen wollen, würden wir wohl unendlich lange auf das Release warten. Es ist sehr einfach in die Falle zu laufen und zu sagen "Wir haben bis jetzt so viel Arbeit und Leistung darauf verwendet, dass es eine Schande wäre, nicht auch noch die Fehler X und Y zu verbessern, sowie die Features A und B hinzuzufügen."

Wir wendeten außerdem sehr viel Energie für Projekte auf, die am Ende nicht durchführbar waren. Hunderte Arbeitsstunden sind in den Versuch, auf eine neue Java-basierte AIM-Library ("joscar") zu wechseln, geflossen. Die Bibliothek selbst ist gut, doch wären noch viele Verbesserungen notwendig gewesen, um unsere Ziele zu erreichen. Letztlich mussten wir dieses Projekt abbrechen. Es war jedoch kein Desaster, da im Zuge der Neuentwicklung die bestehende AIM-Library aufgeräumt Adium X 1.0und verbessert wurde. Über die Details des joscar-Projekts schrieb ich einst eine lange E-Mail, in der ich die Gründe für den Abbruch erläuterte. Interessierte Leser können die Mail unter dieser URL nachlesen.

MacGadget: Wie viele Programmierer arbeiten derzeit an Adium X?

Evan Schoenberg: Die Kernmannschaft besteht aus elf aktiven Entwicklern. Dazu kommen einige großartige Mitglieder im Supportteam und ein Webmaster.

MacGadget: Adium X hat eine große Nutzergemeinde. Wie können die User, abgesehen als Programmierer, dieses Open Source Projekt unterstützen?

Evan Schoenberg: Der Erfolg von Adium wäre ohne die Community überhaupt nicht denkbar. Neben der Entwicklung - wir brauchen immer Leute, die den Quellcode überprüfen und Patches schreiben - können die User auf vielen Ebenen helfen. Sie können mithelfen, Fehlermeldungen und Feature-Anfrage zu organisieren; Schritte erklären um Fehlermeldungen - von Benutzern oder Programmierern - zu reproduzieren; ihr Wissen und ihre Erfahrung anbieten, um Benutzerfragen im Adium-Forum und auf der Adium Trac-Supportseite zu beantworten oder helfen, die Dokumentation zu erweitern und vieles mehr. Die vielen Erweiterungen für Adium, die unter adiumxtras.com zum Download bereitstehen, werden von den Usern beigesteuert. Ich bin mir sicher, dass es Wege zur Mitarbeit gibt, die mir spontan nicht einfallen. Wer mitmachen will, soll das einfach tun.

MacGadget: Bekommen Sie irgendwelche Unterstützung von Apple?

Evan Schoenberg: Wir werden von Apple nicht direkt unterstützt. Wir bekommen von Apple Unterstützung in Form dieses wunderbaren Betriebssystems, das es zu einer Freude macht, Programme dafür zu schreiben. Ich glaube, Adium wird von vielen Apple-Mitarbeitern geschätzt und gern genutzt.

MacGadget: Sie sind der Chefentwickler von Adium X. Seit wann arbeiten Sie an dem Projekt? Welche Motivation haben Sie, das Projekt weiterzubetreiben?

Evan Schoenberg: Ich arbeite seit August 2003, als die große Überarbeitung der Software begann, an Adium X (dazu hat DrunkenBlog damals ein Interview mit mir geführt). Meine Motivation? Ich liebe es! Ich liebe es, in einem Open Source-Team zu arbeiten, die Adium-Entwicklung zu organisieren und an einem Programm zu arbeiten, das ich jeden Tag sehr gerne benutze.

MacGadget: Wie sehen die nächsten Schritte aus? Welche Features und Weiterentwicklungen sind für die Versionen 1.1 und 1.2 geplant?

Evan Schoenberg: Es ist schwer, den Focus auf die Zukunft zu richten, nachdem man in den letzten Monaten so hart gearbeitet hat, um Adium 1.0 herauszubringen. Für die Version 1.1 werden wir einige Ergebnisse des "Google Summer of Code" einbauen - vor allem die Unterstützung für Eingabehilfen wollen wir verbessern, so dass Adium perfekt mit dem Mac OS X-Screen Reader Voice Over und den visuellen Unterstützungen des Betriebssystems zusammenarbeitet. Außerdem wollen wir die dynamischen Tabs in den Messagefenstern neu implementieren. Natürlich werden wir weiterhin bestehende Adium-Features überarbeiten, verbessern und Fehler beheben. Darüber hinaus gibt es einige Ideen, auf die wir uns in Zukunft konzentrieren wollen, wie beispielsweise gemeinsame Chats mit mehreren Usern (Adium beherrscht das bereits, doch es besteht noch viel Verbesserungsbedarf) oder innovative Änderungen an der Oberfläche. Wann und wie ist vor allem eine Frage des Interesses. Adium ist niemandes tägliches (oder nächtliches!) Brot. Während wir als Team neue Ideen aufzeigen, hängt die Motivation auf Seiten der Entwickler davon ab, was sie interessiert. Wir sind immer glücklich, neue eifrige Programmierer begrüßen zu dürfen :)

MacGadget: Wie denken Sie über Features für Audio/Videokonferenzen in Adium X? Werden wir solche Features jemals in Adium X sehen?

Evan Schoenberg: Ich möchte in jedem Fall sowohl Audio- als auch Videounterstützung einbinden. Das ist keine kleine Aufgabe - jedes Protokoll (AIM, Jabber, MSN etc.) hat seine eigenen eindeutigen Anforderungen und nur Jabber ist öffentlich dokumentiert. Ein Teil der Architektur für eine Implementation zu einem späteren Zeitpunkt ist vorhanden. Wir waren im Sommer kurz davor, einen "Jingle Audio Chat" (Internettelephonie vergleichbar mit Skype) zu erstellen, doch technische Überlegungen zwangen uns, die Anstrengungen für dieses Mal zu stoppen, da wir Java-Bibliotheken benutzten, die mit Mac OS X 10.5 innerhalb Adiums unbrauchbar sind.

MacGadget: Voice over IP, Telefongespräche über das Internet, ist ein Segment mit enormem Wachstum. Firmen wie Skype wachsen immer weiter und auch Apple hat großes Augenmerk auf die iChat-Software. Kann ein reiner Textmessenger wie Adium bei dieser Konkurrenz überleben?

Evan Schoenberg: Absolut! Audiochats haben einige gute Anwendungsmöglichkeiten, aber sie sind für die meisten Benutzer einfach kein Ersatz für Textchats. Textnachrichten schlagen die Brücke zwischen sofortigen Telefongesprächen und der Verzögerung bei E-Mail-Konversation. Sie lassen die Kommunikation einen Bestandteil des Arbeitslebens oder Studiums sein, ohne die volle Aufmerksamkeit wie ein Voice-Chat zu verlangen. Außerdem erlaubt es die gleichzeitige (getrennte) Kommunikation mit mehreren Gesprächspartnern oder mit einer Gruppe. Wenn ich mich bei Adium anmelde habe ich Gespräche mit sechs bis zehn Freunden auf einmal, das ist mit Voice-Chats unmöglich.

MacGadget: Was denken Sie generell über Open Source-Software für Mac OS X? Vermissen Sie etwas? Missfällt Ihnen etwas?

Evan Schoenberg: Alles in allem ist es gut, denke ich. Die Arbeit von Open Source-Entwicklern begleitet mich bei meiner täglichen Arbeit, ich benutze Open Source-Software jeden Tag, wie beispielsweise Growl (einzigartiges Mitteilungssystem, hier arbeite ich ebenfalls als Entwickler mit), Virtue Desktops (virtuelle Desktops), Perian (ein fast universeller QuickTime-Decoder), Azureus (ein BitTorrent-Client), GPGMail (PGP-Verschlüsselung für Apple Mail) und viele andere. Auch kommerzielle Entwickler profitieren von Open Source. Ich benutze Sparkle (automatische Software-Updates; wird auch von Adium verwendet) und AquaticPrime (sicheres Registrierungssystem) für meine Shareware-Ahnenverwaltungsssoftware Family und ich werde diese und andere großartige Open Source-Lösungen auch weiterhin nutzen, um mir mein Leben als Entwickler einfacher zu machen.

Die Schönheit und einfache Nutzung qualitativ hochwertiger Open Source-Mac-Anwendungen führt dazu, dass - meiner Meinung nach - einige User gar nicht bemerken, dass sie komplett freie Software benutzen, das wiederum senkt die Möglichkeiten dieser, der Entwicklercommunity beizutreten. Ich habe keinerlei Daten, die das bestätigen, doch wissen nach meiner Erfahrung Linux-Anwender, dass sie freie Software benutzen, Macianer dagegen oft nicht.