"Es wird auch weiterhin native Spiele für Mac OS X geben"

17. Jul 2008 15:00 Uhr - sw

Interview mit

Oliver Buchmann, Produktmanager bei Application Systems Heidelberg.

Distributor, Softwareentwickler, Produktübersetzer – die Tätigkeiten von Application Systems Heidelberg sind vielschichtig. Das seit den 80er Jahren bestehende Unternehmen zählt zu den Schwergewichten im deutschsprachigen Mac-Markt. Eine große Palette an Anwendungen und Spielen liefert Application Systems Heidelberg an ein Netz von Hunderten Händlern. Für etliche Produkte hat das Unternehmen exklusive Distributionsrechte und sorgt nicht selten auch für deutsche Oberflächen und Handbücher. MacGadget sprach mit Oliver Buchmann von Application Systems Heidelberg über die aktuelle Situation im Mac-Markt, über das Thema Mac-Spiele und deren Preisgestaltung sowie über die hauseigene Online-Banking-Software Bank X.



MacGadget: Der Mac-Markt boomt. Spätestens seit Apples Wechsel auf Intel-Chips gehen Macs weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Macs sind "in", ihr Marktanteil steigt kontinuierlich, in den USA wie auch in Europa. Wie beurteilt Application Systems Heidelberg als bedeutender Distributor von Mac-Software die Entwicklung der letzten Jahre, gerade auch im hiesigen Markt?

Oliver Buchmann: Es geht spürbar aufwärts. Gerade in Deutschland hatte man bis vor ein paar Jahren das Gefühl, der kleine Mac-Anteil würde bald ganz verschwinden. Wir kennen uns mit einer sterbenden Plattform gut aus, schließlich hatten wir ja auf dem Atari ST angefangen, Software zu vertreiben. Aber seit es die Intel-basierten Macs gibt, registrieren wir viele Umsteiger von Windows auf den Mac.

Dies hat meiner Meinung damit zu tun, dass die Preise der Macs inzwischen in Regionen gelandet sind, die nicht mehr allzu weit von der Windows-Konkurrenz entfernt sind. Es ist sehr wichtig, dass es Apple-Computer unterhalb der Application Systems Heidelbergpsychologisch wichtigen 1000-Euro-Marke gibt.

Außerdem müssen die Umsteiger dank Boot Camp oder Parallels Desktop bzw. VMware Fusion keine Angst mehr haben, auf wichtige Programme aus der Windows-Welt verzichten zu müssen. Wenn sie nach einer Weile auf dem Mac merken, dass es auch ohne diese geht, um so besser.

MacGadget: Apple durchlebt die beste Phase seiner langjährigen Firmengeschichte und scheint bestens für die Zukunft aufgestellt. Teilen Sie, was den Mac-Markt angeht, den allgegenwärtigen Optimismus?

Oliver Buchmann: Ja, durchaus. Natürlich fehlt ein wenig die Modellbreite bei den Rechnern, da Apple ja der einzige Hersteller ist und seine Produktreihen klar voneinander abgrenzen muss, um sich nicht selbst zu kannibalisieren.

MacGadget: Stichwort Application Systems Heidelberg. Das Unternehmen hat sein Engagement im Mac-Markt in den letzten zehn bis zwölf Jahren deutlich ausgeweitet. Sie betreiben Eigenentwicklungen, nehmen Lokalisierungen vor, vertreiben als Großhändler eine wachsende Palette an Software. Wie wird sich Application Systems Heidelberg für die Zukunft positionieren?

Oliver Buchmann: In einem Wort: Europäischer. Wir haben Ende 2006 Application Systems Paris gegründet genauer gesagt "wieder gegründet", denn Application Systems Paris gab es zu Atari-Zeiten in den 80er/90ern schon einmal. Wir haben schon vorher sehr viele Produkte auch ins Französische übersetzt und produziert, so dass es ein relativ kleiner Schritt war, den Rest, den wir in Deutschland machen, auch dort umzusetzen.

Wir setzen jetzt alles daran, alle Prozesse an diese neue Situation anzupassen, um so effizient wie möglich für beide Märkte zu arbeiten.

MacGadget: Als Apple die Umstellung hin zu Intel bekannt gab und später Boot Camp veröffentlicht wurde, folgte unter den Spieleherstellern ein großer Aufschrei. Durch die Möglichkeit, Windows-Spiele auf dem Mac zu nutzen, sei der Absatz von Mac-Spielen massiv gefährdet, lautete der Tenor der Entwickler. Haben sich diese Befürchtungen im Nachhinein bestätigt? Wie hat sich der Absatz von Mac-Spielen zuletzt entwickelt?

Oliver Buchmann: Zumindest ist es nicht so, dass sich nun keine Spiele mehr verkaufen. Die Gefahr besteht Oliver Buchmannnatürlich immer noch, dass ein Anwender die Windows-Version des Spieles unter Boot Camp verwendet. Vermutlich finden es aber auch viele unbequem, den Rechner zum Spielen neu starten zu müssen. Der Hardcore-Gamer wird sich wohl aber auch künftig keinen Mac kaufen. Und wenn, steht weiterhin die Windows-Maschine zum Spielen daneben.

MacGadget: Können Sie, bezogen auf die Entwicklung des Absatzes, etwas konkreter werden?

Oliver Buchmann: In den letzten Jahren sind etwas weniger Spiele für den Mac erschienen, dafür werden im Schnitt von einem Titel mehr Einheiten verkauft.

Es ist daher sehr schwer zu vergleichen, da die einzelnen Titel sehr unterschiedlich sind und auch die Menge verfügbarer Spiele von Jahr zu Jahr variiert.

Andererseits sind auch mehr Absatzkanäle hinzugekommen. Denken Sie an die Shop-in-Shop-Ecken bei verschiedenen Media Märkten und in Saturn-Filialen. Interessant wird auch, wie sich die Eröffnung von Apple Retail Stores in Deutschland auf die Verkaufszahlen auswirken wird.

MacGadget: Welche Zukunft sagen Sie nativen Spielen für den Mac voraus? Ist es nicht so, dass Mac-User nach wie vor native Software verlangen bzw. bevorzugen und durch Intel-Chips und Technologien wie Cider die Zahl der Spiele letztlich zunimmt?

Oliver Buchmann: Ich denke, es wird auch weiterhin native Spiele für Mac OS X geben, wobei vorrangig die erfolgreichsten Windows-Titel auf den Mac portiert werden. Das ist im Sinne des potentiellen Absatzes aber kein Nachteil.

Durch Intel-Chips und Cider sind tatsächlich die Voraussetzungen gegeben, Portierungen einfacher und schneller vornehmen zu können. Ein größeres Angebot an Spielen für den Mac kann ich momentan noch nicht bemerken. Vielleicht kommt das aber noch.

MacGadget: Zuletzt wurden immer wieder die Preise von Mac-Spielen in Deutschland kritisiert. Hand aufs Herz: Sind die verhältnismäßig hohen Preise für Mac-Spiele nicht eher kontraproduktiv für den Absatz? Vor allem, wenn man die Preise zwischen der Windows- und der Mac-Version eines Spiels vergleicht oder den US- und den Euro-Preis eines Spiels.

Oliver Buchmann: Eine immer wiederkehrende, aber auch berechtigte Frage. Dazu ist zunächst zu sagen, dass natürlich die Absatzzahlen etwas mit den Preisen zu tun haben. Wenn man es mal ganz platt sagt, dann wird jeder einsehen, dass die ersten 1000 Stück eines Windows-Spiels für 55 oder 50 Euro verkauft werden und beim Mac ist das auch so. Der Unterschied: Bei einem Mac-Spiel kann das locker ein bis zwei Jahre dauern.

Wir selbst legen die Preise nicht fest, sondern unsere Lieferanten, also Aspyr, Feral, MacSoft und Co. Die lassen sich alle in Euro von uns bezahlen - Dollarschwäche beim Einkaufspreis? Fehlanzeige.

Wir haben in verschiedenen Gesprächen mit den Lieferanten darauf hingewiesen, dass inzwischen nur noch die Top-Windows-Titel in Deutschland 50 Euro oder mehr kosten, das normale Vollpreisniveau aber eher bei 40 Euro liegt. Das Preisniveau für Windows-Spiele in Frankreich liegt übrigens durchschnittlich deutlich über dem in Deutschland.

Feral hat reagiert und mehrere neue Titel von vorneherein für 40 Euro auf den Markt gebracht. Mit Aspyr diskutieren wir noch insbesondere über das Missverhältnis, das zwischen einem Spiel für 40 Dollar in den USA und 50 Euro in Deutschland besteht.

Allerdings muss man auch sehen, dass für das Spiel in Deutschland zusätzliche Kosten für die Übersetzung, Produktion in kleineren Mengen und möglicherweise zusätzliche Garantiezahlungen an den Originalhersteller fällig werden. Es ist also nicht völlig unrealistisch, wenn man den Preis hier anders festsetzt.

MacGadget: Viele neu erscheinende Mac-Spiele setzen bereits einen Intel-Prozessor voraus. Ist bald das Ende der Fahnenstange für PowerPCs erreicht?

Oliver Buchmann: Ich denke, diese Entscheidung wird die Firma Apple für alle anderen fällen. Sobald PowerPCs von Mac OS X nicht mehr unterstützt werden, dürften die Hersteller recht schnell aufhören, PowerPC-kompatible Software zu entwickeln.

Bei modernen Spielen stellt sich die Frage ohnehin nicht. Diese Spiele haben solch hohe Anforderungen, dass PowerPC-basierte Macs bzw. deren Grafikkarten inzwischen einfach zu leistungsschwach dafür sind.

MacGadget: Mit Bank X bieten Sie seit Jahren eine Anwendung für Homebanking und privates Finanzmanagement an. In welche Richtung soll das Programm künftig weiterentwickelt werden? Vielleicht können Sie Bank X-Anwendern ein, zwei Dinge nennen, die für die Zukunft geplant sind.

Oliver Buchmann: Jetzt müssen wir erst einmal erreichen, dass alle Typen von Chipkarten unterstützt werden. Sobald das erreicht ist, können wir uns über künftige Funktionen Gedanken machen. Chipkarten-Unterstützung für alle Kartentypen ist bereits in Arbeit und wird nach jetzigem Stand in Kürze verfügbar sein. Dieses Update wird für Besitzer der Version 3.x kostenlos sein.

Wir wollen aber auch der immer größeren Zahl an Umsteigern von der Windows-Plattform Rechnung tragen. Wer unter Windows ein ähnliches Programm wie Bank X benutzt hat, soll künftig seine Daten in Bank X importieren können. Falls der eine oder andere Anwender Funktionen, die er aus Windows-Software kennt, in Bank X vermisst, dann werden wir diese gerne einbauen.