iTunes 8.0.2 vs. Songbird 1.0

Das Apple-Monopol iTunes ist vielen Menschen ein Dorn im Auge. Mangels Alternativen nehmen sie die enge Verzahnung von Player, Shop und iPod/iPhone zähneknirschend in Kauf, weil die kostenlose Apple-Multimediasoftware mit komfortablen Features und einer unerreichten Bedienbarkeit glänzt. Mit Songbird schickt sich jetzt ein Open-Source-Programm an, die Marktanteile nach dem Vorbild von Firefox neu zu verteilen. MacGadget hat den Neuling und die aktuelle iTunes-Version unter die Lupe genommen.

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Auch wenn der ehemalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, diesen Satz im Wortlaut so nie gesagt hat, entbehrt er dennoch nicht an Brisanz. Das Schicksal von Erich Honecker hat auf der politischen Bühne gezeigt, was passiert, wenn man die Zeichen der Zeit nicht erkennt.

Es lässt sich auf den Software-Bereich übertragen: So wurde der altehrwürdige Internet-Browser Netscape von der geballten Macht des kostenlosen Internet Explorers hinweggefegt. Und dass selbst das Quasi-Monopol für den Microsoft-Zögling kein beständiges Ruhekissen ist, belegt die zunehmende Attraktivität des Open-Source-Browsers Firefox. Im gleichen Maße wie dessen Beliebtheit steigt, verliert der Internet Explorer seine Nutzerschaft und wird von vielen Usern nur noch für das Einspielen der Windows-Updates eingesetzt. Im wichtigen Segment der Bürosoftware setzt das Office-Paket der freien Entwicklergemeinde OpenOffice.org die Büro-Suite von Microsoft zunehmend unter Druck. Seit Anfang Dezember 2008 sieht sich auch Apple mit der Kreativität und der Innovationskraft der Open-Source-Entwickler konfrontiert: Songbird will iTunes die Flötentöne beibringen.

iTunes 8.0.2
Übersichtlich, aufgeräumt und funktionell: die Programmoberfläche von iTunes


Konzept & Umsetzung

Wenn zwei das gleiche Ziel erreichen möchten, dann müssen sie dabei nicht unbedingt den selben Weg einschlagen. iTunes ermöglicht dem Nutzer das bewährte Apple-Erlebnis. Das Multimedia-Verwaltungsprogramm zum Abspielen, Konvertieren, Organisieren und Kaufen von Musik, Filmen oder Spielen ist dabei eher Mittel zum Zweck. Als softwareseitiges Bindeglied zwischen dem hauseigenen Music-Store und der Hardware bestehend aus iPod, iPhone oder Apple TV ist iTunes der Garant für das reibungslose Zusammenwirken aller Gewerke.

Die Ende 2008 auf Open-Source-Basis erschienene Software Songbird 1.0 wählt dagegen eine grundsätzlich andere Herangehensweise an das Vorhaben, einen funktionellen Player anzubieten. Als quelloffene Anwendung zur Organisation und Wiedergabe digitaler Medien bindet Songbird den eigenen Computer an die schier unbegrenzten Möglichkeiten des Internets an. Dazu wurde der Singvogel mit einem eigenen Web-Browser ausgestattet, der lokale Applikationen mit dem Internet verschmelzen lässt. Er basiert auf der bewährten Mozilla-Engine und hat im Firefox hinlänglich bewiesen, was in ihm steckt. Dank des Tab-fähigen Browsers inklusive der Medienerkennung lassen sich zum Beispiel MP3-Songs auf Musik-Blogs sehr einfach wiedergeben oder Online-Musikdatenbanken abfragen.

Optik & Benutzerfreundlichkeit

Wer sich entschließt, Songbird auf dem Rechner zu installieren, der wird ähnlich wie beim Apple-Pendant durch einen selbsterklärenden Dialog geführt, der keine Fragen aufwirft. Erfreulich: Bestehende iTunes-Bibliotheken lassen sich problemlos importieren und stehen nach dem Programmstart zur Verfügung. Selbst bei einer knapp 25.000 Titel umfassenden Musikbibliothek klappt das in wenigen Minuten. Auch die Wiedergabelisten aus iTunes lassen sich problemlos importieren und sorgen dafür, dass der junge Singvogel schon beim ersten Kontakt wie ein alter Bekannter wirkt. Um eine weitgehende Benutzerfreundlichkeit auf Macs zu gewährleisten, wird automatisch ein QuickTime-Plugin installiert, das ein Abspielen von AAC-Dateien ermöglicht. Die Programmoberfläche wirkt vertraut. Alles ist an seinem Platz. Wer iTunes kennt, der benötigt in Songbird keine Eingewöhnungszeit: Mit einem entsprechendem Oberflächen-Skin sehen sich die beiden Testlinge sogar zum Verwechseln ähnlich.

Songbirfd 1.0
Zum Verwechseln ähnlich: Songbird im iTunes-Gewand


Funktionalität & Stabilität

Ähnlich wie Firefox kommt Songbird übersichtlich daher. Von Haus aus beherrscht der Neuling nur die Grundfunktionen. Für das Abspielen der Musik ist aber alles an Bord, angefangen von intelligenten Wiedergabelisten bis hin zur umfangreichen Formatunterstützung, die besser als in iTunes ist. Mit so genannten Add-ons lernt der Vogel fliegen, weil sie die Funktionen liefern, die in der schmalen Grundausstattung fehlen. Erstaunlich: Vom Start weg überrascht die Fülle der Add-ons und macht Lust auf mehr. Der Internetradiodienst Last.fm ist via Erweiterung ebenso verfügbar wie Media Flow – das schicke Pendent zu Cover Flow, mit dem Apple die Fans seit der iTunes-Version 7.0 beglückt. Mit vielen weiteren Add-ons ist in Kürze zu rechnen. Für iTunes existieren ebenfalls zahlreiche Programmergänzungen. Grundsätzlich bedarf es aber keiner dieser zusätzlichen Features, weil iTunes alles Erforderliche mit auf den Weg gibt, um sich digital zu vergnügen - abgesehen von der Formatunterstützung. Wer beispielsweise auch Vorbis-Dateien mit iTunes abspielen will, muss ein Plug-in installieren. Objektiv betrachtet verlangen beide Testprogramme ordentlich nach Rechnerleistung und gehen verschwenderisch mit dem Arbeitsspeicher um.

Im Testbetrieb offenbarte der frisch geschlüpfte Singvogel kleine Schwächen. Hin und wieder verschwand der Ton beim Abspielen von Musik – ein Problem, das nach einem Neustart behoben war und mit dem nächsten Update Vergangenheit sein sollte. Ähnliche Schwierigkeiten hatte iTunes in vorangegangenen Versionen auch immer wieder. Grundsätzlich ist das Zusammenspiel von iTunes mit der Apple-Hardware als vorbildlich zu bezeichnen. Songbird ist hier noch in der Orientierungsphase. Trotz installiertem Add-on ließ sich das Testsystem nicht überzeugen, einen iPod shuffle zu erkennen – auf dem Mac nahezu ein Killerkriterium. Dank einer Fülle an Entwicklern sollte dieses Problem jedoch bald gelöst sein. Spannend wird das Ganze im Hinblick auf das iPhone. Wenn es gelingt, auch das Apple-Handy über Songbird zu synchronisieren, dann erhält der Wettstreit der Media-Player echte Dynamik, denn: Die Besitzer von iPod, iPhone und Co. hätten endlich eine Alternative und würden iTunes zumindest theoretisch nur noch für das Einspielen von Updates benötigen.

Fazit

Mit Songbird präsentiert sich ein Media-Programm, das angetreten ist, um dem Platzhirsch iTunes Marktanteile zu nehmen. Dass dies vom Start weg nicht wirklich gelingt, liegt daran, dass die Verzahnung von iTunes Music Store, der iTunes-Software und der darauf abgestimmten Hardware aus einem Guss ist und auch in Hinblick auf das Design überzeugen kann. Dennoch besitzt Songbird die Anlagen, um iTunes langfristig unter Druck zu setzen. Unzulänglichkeiten wie nicht erkannte iPods oder eine auf mysteriöse Art und Weise verschwundene Soundausgabe sind der Jugend von Songbird geschuldet. Beim Open-Source-Browser Firefox hat die freie Entwicklergemeinde eindrucksvoll bewiesen, dass Big Player wie Apple oder Microsoft nicht annähernd innovativ und schnell reagieren können. Ähnliches darf man von Songbird erwarten. So sind ergänzende Funktionen wie CD-Ripping oder die Anbindung von Video-Funktionen weit oben auf der langen Roadmap gelistet. Nicht von ungefähr nennen sich die Macher von Songbird "Pioniere des Unausweichlichen".

iTunes 8.0.2 vs. Songbird 1.0
Die Funktionsvielfalt spricht (noch) für iTunes


Unausweichlich ist in diesem Fall: iTunes bekommt schon bald einen ernsthaften Konkurrenten. Über den Erfolg von Songbird wird langfristig der Ideenreichtum der Add-on-Entwickler entscheiden. Hier darf man einiges erwarten. Im aktuellen Test trägt iTunes aber (noch) einen deutlichen Sieg davon. Das Apple-Produkt ist ausgereifter, funktioneller, stabiler und überzeugt durch eine bislang unerreichte Funktionsvielfalt. Die Anbindung von iPod, iPhone und Apple TV funktioniert vorzüglich. Trotzdem: Apple sollte gewarnt sein. Um mit dem historisch korrekten Zitat von Michail Gorbatschow zu schließen: "Schwierigkeiten lauern auf den, der nicht auf das Leben reagiert." Der Wettlauf um den besten Media-Player auf dem Mac hat gerade erst begonnen.

Links & Spezifikationen

iTunes 8.0.2
Hersteller: Apple
Systemvoraussetzungen: Mac OS X 10.4.9 oder neuer, PowerPC- oder Intel-Prozessor
Sprachen: Deutsch, Englisch und andere Sprachen
Preis: kostenlos (57,8 MB) – Download hier

Songbird 1.0
Hersteller: Pioneers of the Inevitable
Systemvoraussetzungen: Mac OS X 10.5 oder neuer, Intel-Prozessor
Sprachen: Deutsch, Englisch und andere Sprachen
Preis: kostenlos (28,7 MB) – Download hier

Kommentare

automatische Bibliotheksverwaltung

DAS Killerfeature überhaupt an iTunes ist für mich die automatische Organisation der Bibliothek in Abhängigkeit der ID3-Tags der enthaltenen Titel. Das macht die Bibliothek auch ohne iTunes zu starten leicht und schnell durchsuchbar bzw. ist auch leicht auf Rechnern ohne iTunes leicht zu "bedienen". Ein oder mehrere Dateien auf iTunes gezogen und schon wird der Song im Musik-Ordner korrekt einsortiert.
Keiner der mit bekannten Player auf Mac OS X oder Linux unterstützt ein solches Feature (soweit ich weiß). Sie können wenn überhaupt dann ein (meist schlecht sortiertes) Verzeichnis regelmäßig auf Änderungen durchsuchen.
Solange es für Songbird ein solches Plugin nicht gibt bleibt für mich iTunes auch ohne iPod oder iPhone das Programm der Wahl.

iTunes

Hallo,
wenn iTunes eine kostenlose Apple-Multimediasoftware mit komfortablen Features und einer unerreichten Bedienbarkeit ist, warum sollte ich die enge Verzahnung von Player, Shop und iPod/iPhone zähneknirschend in Kauf nehmen, die zudem ein weiterer Vorteil ist??
So einen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gelesen...

Fehlende Punkte

Schade, dass der Test kein Wort über Dinge wie Equalizer oder visuelle Effekte verliert...

Aber es ist gut zu wissen, dass mit Songbird ein ernsthafter iTunes Konkurrent erwächst. Sowas hat mir immer gefehlt. Konkurrenz kann da wirklich nie schaden.

Wenn die Songbird-Leute schlau sind, optimieren sie das Teil soweit, dass es weit weniger RAM und CPU als iTunes braucht. iTunes ist leider ein wirklich gefräßiges Monster.

Zähneknirschen

Hallo,

iTunes ist definitiv eine Multimedia-Software mit komfortablen Features. Trotzdem gibt es viele Nutzer, die sich an der obligatorischen Bindung des iPods an die Software und den ITunes Music Store stören. Die monopolartigen Strukturen und die Abschottung von der Konkurrenz sind dabei der Stein des Anstoßes. Dies kann man so sehen, muss man aber nicht. Erwächst ein Konkurrent am Markt, der sich diese Zielgruppe erschließen möchte, dann muss er das reibungslose Funktionieren der Gewerke iPod und Software sicherstellen. Dies gelingt bei Songbird im vorliegenden Test (noch) nicht zur Gänze. Und so kann es sein, dass es zum oben beschriebenen "Quatsch" in der Bewertung kommt.

Viele Grüße
Jürgen Ponath

Equalizer

Hallo,

der Equalizer ist ein wichtiges Feature, das iTunes "serienmäßig" mitbringt. Songbird verfügt zurzeit nicht über eine vergleichbare Funktion. Laut Roadmap ist ein entsprechender Release für April 2009 vorgesehen. Zum gleichen Zeitpunkt soll auch das Rippen von CDs möglich sein. Warten wir ab, ob der Zeitplan eingehalten wird.

Beste Grüße
Jürgen Ponath

Hannes schrieb:
Schade, dass der Test kein Wort über Dinge wie Equalizer oder visuelle Effekte verliert...

Aber es ist gut zu wissen, dass mit Songbird ein ernsthafter iTunes Konkurrent erwächst. Sowas hat mir immer gefehlt. Konkurrenz kann da wirklich nie schaden.

Wenn die Songbird-Leute schlau sind, optimieren sie das Teil soweit, dass es weit weniger RAM und CPU als iTunes braucht. iTunes ist leider ein wirklich gefräßiges Monster.

Wo sind Folder für Playlists?

Wenn dieses Feature fehlt (und ich habe es bisher nirgendwo gefunden), dann ist weder der Import meiner Library, noch eine sonstige sinnvolle Verwendung von Songbird möglich. Mich wundert nur, daß das bisher anscheinend niemandem aufgefallen ist.

Aus einem Guss

Ich kann einfach nicht verstehen, wieso sich immer wieder Leute aufregen können, über die Aus-Einem-Guss-Kompatibilität gewisser Produkte.

Ich habe es sonst noch nie erlebt, dass jemand zwar Coca-Cola trinken will, sich aber nervt, dass er dieses Getränk nicht auch in einer peppigen Virgin-Cola-Flaschen haben kann.
Oder das der schöne rote Ferrari nicht auch mit einem Porschemotor erhältlich ist.
Hingegen iPhone/iPod-iTunes als eine untrennbare Einheit anzusehen fällt irgendwelchen Clowns regelrecht schwer. Ist grad noch ein Wunder, dass nicht noch ein iPhone mit Windows gefordert wird.
Das ist doch der Clou der ganzen Sache. Es passt einfach alles perfekt zusammen. Genau deswegen sind wir angefressene Apple User und nicht Windoofs oder LuNix User, wo alles ein Patchwork ist (jeder gibt seinen Senf dazu).

Die Apple Produkte gehören nun mal einfach zusammen. Gewöhnt Euch daran. Das ist eine Familie und die sollte man nicht trennen. Wenn Dir der Papa (Mac OS X) oder die Mamma (iTunes) nicht passt, dann lass gefälligst die Finger von den Kindern (iPhone/iPod).

Es steht aber jedem Frei ein weiteres OS mit einem anderen Music-Tunes zu entwickeln.

übrigens:
Konkurrenz gabs zu iTunes schon lang (Windows Mediaplayer, oder Matchbox (oder wie hiess das Programm das ursprünglich auf Win für iPod-Sync verwendet werden musste?)
Die konnten sich einfach nicht gegen iTunes behaupten, nicht mal auf Windows ...)