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Interview mit

Ralf Könner, dem Deutschland-Koordinator der "European HyperCard User Group"

Die "European HyperCard User Group", kurz eHUG, fordert die Weiterentwicklung der Programmierumgebung HyperCard. Sie wurde 1987 von Apple eingeführt, 1998 aber überraschend eingestellt. Die eHUG will mit ihren Aktivitäten eine Umsetzung von HyperCard für MacOS X erreichen. So zeigte die Anwendergruppe dem Mac-Hersteller auf der Pariser Apple Expo Mitte September, daß nach wie vor Interesse an HyperCard besteht. MacGadget befragte den Deutschland-Koordinator der eHUG, Ralf Könner, zu HyperCard.


MacGadget: Auf der Apple Expo in Paris forderte die Anwendergruppe "HyperCard User Group" die Portierung von HyperCard auf MacOS X. Vielen Mac-Besitzern und insbesondere Neulingen ist HyperCard gänzlich unbekannt. Bitte beschreiben Sie unseren Lesern die Idee und die Geschichte von HyperCard und die Einsatzmöglichkeiten dieses von Apple geschaffenen Werkzeuges.

Ralf KönnerRalf Könner: Es war Bill Atkinson, der 1985 einen kleinen Notizblock namens QuickFile für Apple entwickelte. QuickFile konnte Textinformationen speichern und diese dann wie in einen Rolodex als Karteikarte wiederfinden und darstellen. Die konsequente Weiterentwicklung dieses sequentiell funktionierenden Karteikartenprinzips brachte schließlich 1987 HyperCard hervor. Eine Art frei modifizierbare, skalierbare, modular aufgebaute Datenbank mit Funktionen zum Lesen und Schreiben von Text, Bild, Ton und Animation. Im Grunde eines der ersten Hypertext-basierten Multimediawerkzeuge; für die Einen ein digitales Schweizer Messer, für die Anderen die berühmte eierlegende Wollmilchsau.

Um einer breiten Benutzerschaft den Einstieg in die Welt der "if-then-else"-Philosophie zu erleichtern, bedurfte es einer einfach zu erlernenden Programmiersprache. Dan Winkler, syntaktisch verantwortliches Genie, hob HyperTalk aus der Taufe und legte somit einen bis heute anerkannten Dialekt-Standard für MetaTalk-Sprachen fest. Diese objektorientierte, an "spoken English" erinnernde Skriptsprache, entlockt echten Hochsprache-Programmierern bestenfalls ein müdes Lächeln, ist sie doch eine träge, speicherhungrige und bisweilen anspruchsbescheidene Makrosprache.

Seit 1989 haben sich kontinuierlich etliche freie Entwickler und kleine Unternehmen gefunden, die HyperCard mit Hilfe von sogenannten "Externals" wie XCMDs und XFCNs aus dem Rollstuhl halfen und für einen ordentlichen Schub in punkto Leistung und Funktionalität sorgten. Erst 1994 verpaßte Apple dem Autorenwerkzeug ein farbiges Aussehen, was sich allerdings als ein lästiger Bremsklotz entpuppte, da die Farbimplementierung lediglich eine ziemlich lustlos übergestülpte Lösung per Erweiterung und keine echte Eigenschaft von HyperCard war.

Und dennoch fand die Erfolgsgeschichte von HyperCard ihre Fortsetzungen. Für ordentlich Farbe sorgte ja schließlich QuickTime. Dieses unglaublich mächtige Multimediawerkzeug war wohl mit Abstand das Beste, was HyperCard je passieren konnte - die perfekte Ehe zwischen intuitiver Steuerungsmechanik einerseits, und polyvalenter Ausgabetechnik andererseits. Und genau hier liegt eine der Stärken von HyperCard. Mit etwas Skripterfahrung, gutem Audio- und Videoausgangsmaterial sowie einem Gespür für schnörkellose Benutzerführung und natürlich der passenden Idee läßt sich ein packendes Erlebnis namens Myst auf die Beine stellen. Bis heute noch ein unumstrittenes Vorzeigeprojekt von und für HyperCard-Evangelisten.

HyperCard erledigt aber auch Dinge der täglichen Arbeit am Mac. Durch den bereits erwähnten Karteikartencharakter erweist sich HyperCard als DAS geeignete Datenbankprogramm für individuelle Anforderungen. Mal abgesehen von handgestrickten Anschriftenbüchern lassen sich mit HyperCard ebenso Netzwerkanwendungen wie auch CGI-gesteuerte Abläufe im Internet realisieren. Es lassen sich außerdem damit Modelleisenbahnanlagen steuern, automatisierte HTML-Seiten erstellen, Spiele entwickeln sowie elektronische Briefe empfangen und verschicken. Im Grunde sind dem Entwickler keine außer seinen eigenen Grenzen gesetzt.

 

MacGadget: Sie waren auf der Apple Expo mit einem Stand vertreten und haben für Ihre Forderung mächtig die Werbetrommel gerührt. Was haben Sie bislang erreicht?

Ralf Könner: Ich denke, wir haben drei sehr wichtige Dinge erreicht - Apple nahm bereits vor knapp zwei Jahren HyperCard aus den europäischen Regalen beziehungsweise aus dem Apple Store. Lediglich der Aktualisierer auf 2.4.1 steht noch im Internet zur Verfügung. Wir mußten also davon ausgehen, daß Apple ausschließlich von der Präsenz eines US-amerikanischen Marktes ausging und den verbleibenden Rest einer schlecht einzuschätzenden Größe an hartnäckigen HyperCard-Veteranen solange bei Laune halten würde, bis sich das Problem mit den Jahren gänzlich von selbst löst.

Zum Einen ist es uns in Paris gelungen, altes und neues Interesse bei etwas mehr als 600 Messebesuchern auf unserem Stand zu wecken. Durch das Verteilen unserer CDs, einer beachtlichen Sammlung von HyperCard-Stacks jeden Genres, erhoffen wir uns natürlich eine Erweiterung unserer Anwendervereinigung. Hohe Mitgliederzahl = potentieller Kunde = Druckmittel gegen Apple zugunsten einer MacOS X-Version.

Zum Zweiten hat Apple am 07. Oktober 2002 unsere europäische HyperCard User Group offiziell als Macintosh User Group (MUG) anerkannt. Dies bedeutet uns sehr viel, da wir mit diesem Status wieder ein kleines Stückchen mehr an Gewicht und Professionalität gewinnen. Außerdem kommen wir mit dieser Auszeichnung auch in den Genuß, uns um einen Platz am großen runden Tisch der User Group Lounge (UGL) der MacWorld Expo 2003 in San Francisco streiten zu dürfen. Die UGL ist ein von Apple und anderen Sponsoren gefördertes Programm, an dem MUG-Mitglieder teilnehmen können.

Und schließlich haben wir es geschafft, unsere Internet-Seite auf sieben Sprachen auszudehnen. Nebst Englisch, Französisch, Deutsch, Niederländisch, Italienisch und Spanisch gibt es unseren Rundbrief und andere Inhalte nun auch in finnischer Sprache. Wir sehen uns demnach in einer Art europäischen Vorreiterrolle, was die sprachliche Europäisierung einer MUG anbelangt. In Kürze wollen wir unsere neuen Netzseiten vorstellen.

 

MacGadget: Für MacOS X gibt es eine Vielzahl an Entwicklungs- und Autorenumgebungen. Wo sehen Sie die Lücke für HyperCard?

Ralf Könner: Machen wir uns nichts vor; HyperCard liegt im künstlichen Koma! Runtime Revolution, RealBasic und SuperCard haben den Sprung ins kalte Aqua offenbar geschafft und bedienen den Markt für Autorenwerkzeuge meines Erachtens zu Genüge.

Gäbe es in unmittelbarer Zeit eine adäquate MacOS X-Version von HyperCard, müßte sie schon zur Kategorie "Killer-Anwendung" zählen, um auch nur den Hauch einer Chance zu bekommen. Eine ordentliche Text-Architektur müßte her, aber auch enorme Geschwindigkeitsteigerungen sowie die Fähigkeit, plattformunabhängige Programmen zu generieren, dürften Aussicht auf Erfolg vermitteln.

Gelänge es Apple, sich für eine Weiterentwicklung von HyperCard überhaupt nur zu entscheiden, sollte daraus keine Neuauflage von SuperCard 4.0 werden. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch; SuperCard 4.0 ist ein außerordentlich sympathisches Produkt, seitdem es nun auch seine Dienste unter MacOS X tut. Aber das reicht wahrscheinlich nicht aus, um daraus einen würdigen HyperCard-Nachfolger und ein erfolgreiches Autorenwerkzeug zu machen.

 

MacGadget: HyperCard wurde 1998 eingestellt. Wie stark ist die HyperCard- Nutzerbasis noch?

Ralf Könner: Das wüßten wir auch gerne... denn dann hielten wir im Falle von hohen Mitgliederzahlen einen wahren Trumpf in den Händen, könnten Apple oder andere Firmen mit handfesten Zahlen zu überzeugen versuchen.

Sehr vorsichtig geschätzt, dürften wir europaweit einen Stamm von vielleicht 20.000 bis 30.000 Nutzern zählen, weltweit vielleicht das drei- oder vierfache. Wieviele Nutzer darunter tatsächlich auch noch aktiv mit HyperCard arbeiten, wissen wir leider noch weniger - schlimmstenfalls sind es zumindest in Europa unsere 80 eHUG-Mitglieder. ;-)

 

MacGadget: Wie hoch wäre nach Ihrer Ansicht der Aufwand für eine Umsetzung von HyperCard auf MacOS X? Würde eine Carbon-Portierung reichen oder wäre eine Cocoa-Neuentwicklung erforderlich?

Ralf Könner: Mit Sicherheit würde eine Carbon-Portierung nicht ausreichen, um außer uns Nostalgiker auch junge, anspruchsvollere Entwickler zu überzeugen. Allein schon aus Geschwindigkeitsgründen müßte eine Cocoa-Neuentwicklung her.

Ich kann den wahren Aufwand schlecht einschätzen, da ich mich selbst eben nicht als eingefleischten Programmierer, sondern vielmehr als Skript-Laie einstufe. Aber es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, daß jede kleine Softwarefirma mit Hilfe eines Decompilers, FreePascal für MacOS X sowie einigen hellen Köpfen und fleißigen Händen eine Cocoa-Version von HyperCard in ein paar Monaten zusammenschustern könnte.

Spannender wäre es, wenn Apple beispielsweise ein OpenSource-Projekt aus HyperCard machte und es gänzlich freien Entwicklern zur Weiterentwicklung zur Verfügung stellte. Auf diese Weise würde sich wahrscheinlich schnell herausfinden lassen, ob und was genau der Markt von einer neuen HyperCard-Cocoa-Version verlangt.

 

MacGadget: Was würden Sie von einer Lizenzierung beziehungsweise vom Verkauf von HyperCard an eine andere Firma halten? Gäbe es eine Firma, die eine Weiterentwicklung und Portierung auf MacOS X betreiben könnte?

Ralf Könner: Auch eine sehr gute Idee. Hauptsache nicht wieder Claris beziehungsweise Filemaker. ;-) Diesmal sollte es vielleicht besser eine kleine, unverbrauchte und motivierte Programmschmiede sein.

Wir haben Grund zur Annahme, daß Apple bereits eine ähnliche Entscheidung getroffen und eine Firma mit der Planung einer potentiellen Weiterentwicklung beauftragt hat. Wie so oft sind konkrete Aussagen hierzu eher spärlich und als ebenso spekulativ einzuordnen.

Aber es ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, HyperCard zu "retten". Apple konzentriert sich auf die Hardware, das Betriebssystem und den "digitalen Hub", vielleicht noch um eine handvoll i-Anwendungen, AppleScript und Final Cut Pro. Aber HyperCard wird wohl, falls es denn jemals wieder Bestandteil unseres täglichen Vokabulars werden sollte, die längste Zeit zu Apple gehört haben.

 

MacGadget: Wäre ein plattformunabhängiges HyperCard auf Java-Basis nicht reizvoller?

Ralf Könner: Es kommt auf die Zielgruppe an. Freizeit-Hacker, zu denen ich mich zähle, hätten wenig dafür, aber auch wenig dagegen einzuwenden. Hauptsache, es fühlt sich wie HyperCard an, und es läuft auf MacOS X. Um ein komplett neues Produkt an eine gänzlich neue Klientel zu bringen, würde diese Alternative mit Sicherheit wesentlich reizvoll sein.

Aber wie gesagt; aus HyperCard dürfte kein neues, hochkompliziertes Werkzeug für Profi-Programmierer werden, sondern es sollte seine Eigenschaften, die es so sehr geprägt und erfolgreich gemacht hat, auch weiterhin behalten. HyperCard sollte diese eierlegende Wollmilchsau bleiben dürfen, ein Werkzeug für die breite Masse eben.

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