Macs mit Apple-Prozessoren: Der Beginn einer neuen Ära

09. Nov. 2020 12:30 Uhr - Redaktion

Morgen ist es soweit: Apple wird im Rahmen einer live übertragenen Online-Produktpräsentation die ersten Macs mit hauseigenen Prozessoren ankündigen. Neuesten Gerüchten zufolge könnte Apple auf einen Schlag alle mobilen Macs (MacBook Air, 13-Zoll-MacBook-Pro, 16-Zoll-MacBook-Pro) auf die ARM-Architektur umstellen. Es ist eine Zäsur in der fast 37jährigen Geschichte des Rechners: Erstmals werden Macs nicht von Dritthersteller-Prozessoren angetrieben, sondern von Apple-Eigenentwicklungen. Es ist der Beginn einer neuen Ära.

Vorteile des Wechsels von Intel- auf Apple-Prozessoren

1) Höhere Leistung. Es werden gegenüber Intel-Chips signifikante Zuwächse bei der Rechenleistung (Single-Core und Multi-Core) und der Grafikperformance erwartet. Apple spricht von einer "marktführenden Leistung pro Watt". Die ersten Mac-Prozessoren werden auf dem A14-Design basieren. Bereits die im iPhone 12 enthaltene A14-Basisausführung lässt bei der Single-Core-Leistung mit fast 1600 Punkten in Geekbench (was schneller ist als alles, was Intel zu bieten hat) aufhorchen. Die Mac-Prozessoren werden mehr Kerne haben und mit höheren Taktraten laufen - entsprechend kann man die ungefähre Multi-Core-Leistung hochskalieren. Auch bei dem integrierten Grafikchip wird Apple Maßstäbe setzen und Intel klar hinter sich lassen. Der ewige Flaschenhals von Intel-Chips - die niedrige Grafikleistung - gehört der Vergangenheit an.

2) Längere Akkulaufzeiten. Apple-Prozessoren sind extrem energieeffizient. Dies hat drei Gründe: Erstens gibt es spezielle Stromsparkerne für den Niedriglastbereich. Zweitens lässt Apple im 5-Nanometer-Verfahren fertigen, während Intel zum Teil noch beim 14-Nanometer-Verfahren hängt (kleinere Strukturen senken den Stromverbrauch und ermöglichen es, die gleiche Zahl an Transistoren auf kleinerer Fläche unterzubringen). Drittens: Die gesamte ARM-Architektur ist auf Energieeffizienz getrimmt. Unterm Strich kann Apple eine höhere Leistung bei niedrigerem Energieverbrauch realisieren, was der Akkulaufzeit mobiler Macs zugute kommt und die Stromkosten stationärer Macs senkt (wichtig beim Dauerbetrieb). Das leidige Thema Wärmeentwicklung und Drosselung von Intel-CPUs sollte dadurch ebenfalls Geschichte sein.

3) Neue Hardware-Funktionen. Der von iPhones und iPads bekannte Neural-Engine-Chip zur Beschleunigung von Maschinenlernen-Berechnungen (ML) hält beim Mac Einzug. Er ist in diesem Segment marktführend und wird ML-basierte Berechnungen aus Bereichen wie Bildbearbeitung, Audio oder Video auf dem Mac dramatisch beschleunigen. Apples hochentwickelte, eng mit den A-Chips verzahnte Kamera-Technik kann künftig ebenfalls in den Mac einfließen, was der Webcam-Qualität zugute kommen und den Weg für Face-ID ebnen wird.

 
Apple-Prozessoren für Macs
 
Aufbau der Apple-Prozessoren: Kommende Mobilmacs haben spezielle Stromsparkerne.
Bild: Apple.

 

4) iPhone- und iPad-Apps laufen auf ARM-Macs. Die meisten iOS/iPadOS-Apps lassen sich einfach in einem Fenster auf Macs mit Apple-Prozessoren nutzen - ohne Anpassungen seitens der Hersteller. Touch-Eingaben werden von Apple in entsprechende Maus- bzw. Trackpad-Eingaben umgesetzt. Das Software-Angebot für den Mac vergrößert sich damit auf einen Schlag auf dramatische Weise. Apps, die spezifische iPhone- oder iPad-Hardwarefunktionen benötigen, sind natürlich ausgeschlossen. Und: Dank Projekt Catalyst können Entwickler ihre Apps mit wenigen Handgriffen in einer für macOS optimierten Version bereitstellen.

5) Apple hat endlich die volle Freiheit bei der Mac-Weiterentwicklung. Erstmals in der über 36jährigen Geschichte des Rechners macht sich Apple bei der wichtigsten Komponente – dem Prozessor - unabhängig von Zulieferern. Intel hat seit vielen Jahren erhebliche Probleme bei der Weiterentwicklung und Markteinführung neuer CPUs. Verzögerungen waren eher die Regel als die Ausnahme. Davon war mehrfach auch Apple betroffen. Hinsichtlich der langfristigen Zukunftsfähigkeit der x86-Architektur steht ein Fragezeichen.

Statt bei Intel CPUs von der Stange einkaufen zu müssen, entwirft der Konzern jetzt in Eigenregie maßgeschneiderte Prozessoren für die verschiedenen Mac-Baureihen und kann diese in eigenem Tempo sowie nach eigenen Wünschen und Erfordernissen weiterentwickeln. Außerdem spart Apple die hohen Intel-Margen ein und lässt selbst kostengünstig bei Auftragsfertigern wie TSMC produzieren.

Nachteile des Wechsels von Intel- auf Apple-Prozessoren

1) Keine Boot-Camp-Software mehr. macOS wird das einzige Betriebssystem sein, in das Macs mit Apple-Prozessoren booten können. Die für Windows genutzte Boot-Camp-Software ist Geschichte.

2) x86-Virtualisierung entfällt. macOS wird durch den Wechsel der Architektur keine x86-basierten Betriebssysteme mehr virtualisieren können. Virtualisierungssoftware wie Parallels Desktop wird es zwar auch für ARM-Macs geben, jedoch kann diese nur ARM-basierte Betriebssysteme ausführen.

3) Nutzung von Windows-Software wird langsamer. Durch den Wegfall der x86-Virtualisierung wird sich Windows nur noch per Emulation nutzen lassen. Ein Teil des Performanceverlustes wird durch die deutlich höhere Leistung der Apple-Prozessoren wettgemacht.

Noch offene Punkte des Wechsels von Intel- auf Apple-Prozessoren

1) AMD-Grafikkarten und eGPU. Noch unklar ist, ob Apple bei den High-End-Macs weiter auf AMD-Grafikkarten setzt oder auch hier Eigenentwicklungen anstrebt. Dies wird sich hoffentlich morgen klären - und dann dürfte auch in puncto eGPU-Unterstützung Klarheit herrschen.

2) ARM-Version von Windows. Microsoft hat eine Windows-Version für die ARM-Prozessorarchitektur entwickelt, die eine integrierte x86-Emulation bietet. Eine diesbezügliche Kooperation zwischen Microsoft und Apple wäre zumindest theoretisch denkbar, um das ARM-basierte Windows auf den neuen Macs virtualisieren zu können - mit x86-Abwärtskompatibilität (32 Bit; Gerüchten zufolge künftig auch 64 Bit) durch Emulation.

Weitere Hintergründe zu dem Thema finden Sie unserem FAQ-Artikel "Macs mit Apple-Prozessoren: Häufig gestellte Fragen und Antworten" sowie in "Macs mit Apple-Prozessoren: Neuer Boot-Manager, Ersatz für Target-Disk-Modus, Booten von externen Volumes weiter möglich".